Er ist nicht unlogisch, dieser Ausstoß von pseudo-dokumentarischen Filmen von wackeliger Handkameraführung. Gerade die spanische Produktion [●REC] teilt doch über die Kundenorientierung im Horrorgenre eine gewisse Nähe zur Erotikindustrie, die dem Voyeur schon längst im Amateurhaften eine scheinbar privatere Intimität feilbietet.
Es hat sich einiges getan, seit in Horrorfilmen dokumentarisches Material ihrer Protagonisten integriert wurde, oder in Blair Witch Project die immer größere Verbreitung von Videokameras zu Form und Inhalt machte. Nun sind die ersten Jahre seit dem Millenium vergangen und Kameras beobachten uns nicht nur rein observatorisch, sondern wir selbst tragen sie in Mobiltelefonen und Notebooks stets mit uns herum, betrachten und füttern die Videoplattformen. Amateuraufnahmen sind ständiger Bestandteil der Berichterstattung und bringen uns oftmals näher an das Geschehen als professionelle Fernsehteams.
[●REC] ist in etwa der Mittelweg daraus, in dem die zentrale Figur selbst Fernsehjournalistin ist, die von ihrem Kameramann begleitet eine Reportage über die Feuerwehr dreht. Die entgegen Filmbildern kantenschärferen Aufnahmen dokumentieren den Alltag bei Nacht und es scheint zunächst rein gar nichts zu passieren.
Als dann plötzlich der Alarm schellt geben sich die Fernsehleute alle Mühe noch mithalten zu können. Schon vorher betonten sie, daß doch bitte etwas passieren möge – etwas das gut ausgeht. Doch das Leben besitzt keinen Dramaturgen. Beweist die Reporterin Ángela (Manuela Velasco) eben noch Unsachlichkeit, muß sie schon bald der Kamera Platz machen, welche sich bemüht, über die Rücken der Feuerwehrleute die tollwutartige Raserei einzufangen, mit der eine alte Frau einen der Retter anfällt.
Gemeinsam mit den Schauspielern der Situation ausgeliefert muß der Zuschauer zügig die ihm vorgeworfenen Puzzlestücke empfangen, die aus [●REC] die Darstellung eines modernen Zombiebildes als blutrünstigen Infizierten machen. Auch dies passt nahtlos zu den Handkamerabildern, war es doch schon jeher eine Tradition der Amateure geworden, teils länderspezifische Abbildungen und Fortsetzungen der Zombieseuchen aus den großen Vorbildern zu schaffen.
Hier bedient man sich nun also einer Ausgangssituation, die uns noch lebhaft aus den Nachrichten und der später daraus entstandenen Dokumentation der Brüder Naudet über den Anschlag vom 11. September in Erinnerung ist.
Aufgrund einer ABC-Maßnahme erfährt das Publikum ausschließlich Bilder aus dem Inneren, da das betroffene Wohnhaus abgeriegelt ist. Doch auch auf diesen Ernstfall sind die Einsatzkräfte nicht vorbereitet. Waren die Menschen in Romeros Night of the Living Dead noch in ihrer Hütte verschanzt und die Untoten eine Bedrohung von außen, so werden wir in [●REC] Zeuge von einer klaustrophobischen Ausweglosigkeit, welche eine Zerrüttung aus dem Inneren zur Ursache hat.
Durch den Wegfall von Licht und im Finale die Reduktion ausschließlich auf den kleinen Radius des Nachtsichtmodus, wird dieser Schrecken zum Erlebnis in ultimativer Nähe. Unzulänglichkeiten des Bildes sind unmittelbare Indikatoren für einen Eindruck von Echtheit. Die Verschleierung von Effekten macht die Wirkung des Ungesehenen stärker als die einer offenen Darstellung.
So sehr man sich zu Beginn erwehren konnte oder wollte, kaum ein Zuschauer zuckt nicht doch einmal zusammen, fühlt eine Gänsehaut oder ein Unwohlsein bei der dunklen Ungewißheit. Indizien für eine Ursache wiederholen abermals das Motiv einer keimenden Gefahr aus der Mitte. Angefacht durch religiöse Hintergründe schließt sich der Kreis zu einer Psychologie, die mit Empfindungen einer Post-9/11-Generation spielt.
Formelle wie inhaltliche Unzulänglichkeiten geraten in den Hintergrund, wenn man in [●REC] so ungezügelt nach vorn strebend eine zeitgenössische Variation eines bereits bekannten Sujets angeht. Als solches erweist sich der Film von Jaume Balagueró und Paco Plaza als durchaus sehenswert. Immerhin überflügelt man mühelos das, was Genrevater Romero in Diary of the Dead, seinem nahezu zeitgleich uraufgeführten Beitrag zum Thema Zombies in Handkamera, manifestieren kann. Das Stilmittel bleibt freilich Geschmackssache.